Nov 142017
 
  • Anne Fromm, taz
  • Karin Heisecke, Sozialwissenschaftlerin und Projektleitung bei der MaLisa Stiftung
  • Annette Leiterer, NDR / Medienmagazin ZAPP
  • Claudia Tieschky, Süddeutsche Zeitung
  • Jenni Zylka, Autorin
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Bild: Georg Jorczyk / Grimme-Institut

Moderation Bella Lesnik begrüßt die Panelistinnen und bittet die Anwesenden, sich vorzustellen und einen typischen Arbeitstag zu schildern, den es erwartungsgemäß nicht gibt. Die Tätigkeiten der Expertinnen reichen von der Filmsichtung über das Lesen von Drehbüchern, die Teilnahme an Redaktionskonferenzen hin zu Vernetzungsarbeit und Teilnahme an Veranstaltungen wie dieser am heutigen Tag.

 

Die in der Keynote benannten Studienergebnisse der Studie „Audiovisuelle Diversität“ der MaLisa-Stiftung sind nicht erfreulich und erstaunen die Moderatorin Bella Lesnik.
Sie fragt die Panelistinnen: Wie geht es Euch dabei?

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Bild: Georg Jorczyk / Grimme-Institut

Jenni Zylka haben die Ergebnisse nicht erstaunt. Besonders im Fall der Nachrichten ginge es häufig bei den befragten Experten um technische Themen, für die es gegebenenfalls tatsächlich weniger zur Verfügung stehende Expertinnen gebe. Männer nähmen zum Teil gar nicht wahr, dass Frauen weniger angefragt werden. Schwierig sei auch das Netzwerken nach Feierabend. Dies schließe beispielsweise berufstätige Eltern aus und hier eventuell insbesondere die Mütter.
Claudia Tieschky fragt jedoch, wer die Expertinnen auswählt. Im Endeffekt müssen die Verantwortlichen Frauen finden wollen. Das Problem sieht sie unter anderem in der Frage des Zeitaufwandes, der für Männer häufig einfacher abzufedern sei, da sie häufig Frauen daheim haben, die sich um Wäsche & Co. kümmern. Erfreulich findet sie, dass die Kommunikation zwischen Männern und Frauen heute deutlich entspannter sei als bei der älteren Generation.
Annette Leiterer merkt an, dass Frauen bei medialen Anfragen häufig zurückhaltender sind als Männer. Frauen würde zudem oft erst bei der Familiengründung deutlich, wo die Schwierigkeiten der Geschlechtergerechtigkeit liegen.
Anne Fromm hält eine Frauenquote für notwendig. Aber zunehmend nähmen auch Männer Elternzeit oder gehen nachmittags pünktlich heim, um die Kinder von Kindergarten und Schule abzuholen.

Bella Lesnik sieht einen langsamen Wandel in Bezug auf Elternzeit und Familienarbeit. Aber Frauen tappen häufig immer noch in die Falle, dass sie denken, als diejenigen, die weniger verdienen, seien sie diejenigen, die zu Hause bleiben sollten. Frauen müssten die Familienorganisation auch aktiv einfordern.

Annette Leiterer ist gleich nach der Geburt der Kinder wieder arbeiten gegangen. Allerdings fühlte sie sich häufig genötigt, sich dafür zu rechtfertigen, dass sie Mutter ist und Vollzeit arbeiten geht. Hier war ein Verlassen der Komfortzone notwendig. Beim Thema Familienplanung sollten sich Frauen mit schlauen Menschen umgeben, die ebenfalls eine gerechte Aufteilung der Arbeit für wichtig erachten. 
Karin Heisecke verweist auf die bemerkenswerte Wahrnehmung, dass, sobald mehr Frauen beteiligt/vertreten seien, der Eindruck entstehe, dass sehr viele Frauen beteiligt seien. Es müsse sich an ganz vielen Stellen etwas ändern, Familienpolitik, Gehaltspolitik. Auch wäre eine Expertinnendatenbank hilfreich, die mit einem Klick das Auffinden von Referentinnen/Expertinnen ermöglicht. 
Claudia Tieschky fasst wie folgt zusammen:
„In Beziehungen kann gelernt werden, auch hier können Grenzen versetzt werden… Dies gilt auch etwa für Redaktionskonferenzen. Man muss auch lernen, Dinge zu tun, bei denen man sich unwohl fühlt. Und wenn ein Mann sagt ‚Ist ja gut‘, zu sagen ‚Nein, ist eben nicht gut‘.“

Die Moderatorin stellt als nächstes die Frage, ob es für Frauen tatsächlich schwieriger sei, sich zu trauen, sich beruflich durchzusetzen.

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Bild: Georg Jorczyk / Grimme-Institut

Karin Heisecke merkt an, dass es Studien dazu gäbe, dass die Fähigkeit der Durchsetzungsstärke bei Männern als positiv wahrgenommen wird und bei Frauen als zickig. Solidarität unter Frauen sei hier wichtig.
Auch Anne Fromm sagt, dass es wichtig sei, nicht gegeneinander zu arbeiten, sondern sich gegenseitig zu stärken und  zu loben.
Das Mengenverhältnis von Frauen und Männern in den Führungspositionen müsse sich laut Annette Leiterer ändern. Frauen dürften Frauen nicht als Konkurrenz wahrnehmen.
Eine positive Stimmung am Arbeitsplatz und die gegenseitige Unterstützung werden von allen Panelistinnen als hilfreich und positiv wahrgenommen. Auch ein transparenter Umgang mit Fehlern sei bei Männern und Frauen wünschenswert. 

Als nächstes geht es um das Thema Hatespeech, das Frauen häufiger begegnet als Männern. 

Der Umgang mit unangebrachten Kommentaren wird unterschiedlich bewertet – von einer Schließung der Kommentarfunktion bis zur Gegenrede aus der Community. Die Massivität der Kommentierung sei dabei sicherlich entscheidend. Hier sehen die Panelistinnen eine Abbildung des alten Rollenverständnisses von Mann und Frau. „Aus der Deckung schießen ist einfach“, merkt Jenni Zylka an. 

Als nächstes fragt Bella Lesnik, ob die Panelistinnen das Gefühl haben, dass es genug Frauen auf Entscheider-Positionen in ihren Medienbetrieben gibt?

Hier sind sich alle einig: Nein. Es seien zu wenige Frauen und es kommen auch wenige nach. Frauen müssen Frauen fördern. Und auch bei der Frage, ob redaktionelle Inhalte anders wären, wenn Frauen entscheiden würden, beantworten dies alle mit Ja. Die Redaktionsleitungen seien noch sehr männerdominiert. Das Verständnis untereinander sei häufig bei einer reinen Männerbesetzung bzw. einer reinen Frauenbesetzung schneller und einfacher, zumal alle unter extremem Zeitdruck arbeiten. Aber es sei wichtig im gegenseitigen Verständnis, die Komfortzone zu verlassen und Hürden in Kauf zu nehmen. Es scheint, dass es einfacher ist, jemanden nachzuholen, der einem ähnlich ist. Hier sei es wichtig, diese Routine zu durchbrechen.

Jenni Zylka will Frauen in allen redaktionellen Themen sehen und nicht nur in den Familienressorts.
Anne Fromm merkt an, dass eine ausgewogen besetzte Redaktion mit ausgeglichenen Thematiken auch für die Auflagenstärke förderlich sei.
Karin Heisecke bestärkt dies: „Diversität bringt uns weiter. Sonst sehen wir nicht das ganze Bild.“ Und das gilt nicht nur für die Gruppe der Frauen, sondern beispielsweise auch für Menschen mit Migrationshintergrund oder Nicht-Heterosexuelle.

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Bild: Georg Jorczyk / Grimme-Institut

Bella Lesnik schließt die Fragerunde ab mit dem Statement: „Es gibt noch viel zu tun“, und bittet die Referentinnen, in einer Abschlussrunde dem weiblichen Nachwuchs noch einen Tipp mit auf den Weg zu geben.

Karin Heisecke: „Den Blick offen halten.“
Anne Fromm: „Traut euch, es ist nicht immer angenehm, es lohnt sich.“
Annette Leiterer: „Es gehört auch Fleiß dazu.“
Claudia Tieschky: „Lasst Euch nicht einschüchtern.“
Jenni Zylka: „Entwickelt Expertisen.“

 Posted by at 15:28

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